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Warum gibt es Förderkreise (FK)?

Privatpersonen können nicht direkt Mitglied der Genossenschaft Oikocredit werden. Sie treten stattdessen einem der acht deutschen Förderkreise bei, über den sie bei Oikocredit Geld anlegen. Das gilt auch für Vereine, Stiftungen und Gemeinden, die bei Oikocredit investieren.

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Interview Studytour Ecuador

Auch die beiden Filialen von Banko D-Miro in Manabi sind schwer beschädigt oder wegen Einsturzgefahr nicht zugänglich. Die Bank arbeitet mit Hochdruck daran, mit Notmaßnahmen den Geschäftsbetrieb wieder herzustellen, um den betroffenen Kunden die Fortführung ihrer Betriebe wieder zu ermöglichen. Die Regierung hat in der betroffenen Region regulierend eingegriffen, insbesondere für 3 Monate (April, Mai, Juni) die Pflicht für Zins/Tilgungszahlungen suspendiert. Aufgrund der Schäden mussten auch geplante Besuche bei landwirtschaftlichen Genossenschaften im Erdbebengebiet während der Study Tour entfallen.

Oikocredit arbeitet seit 1978 in Ecuador. Die Kleinbauernorganisation FEPP war einer der ersten Partner von Oikocredit überhaupt. Was sind die derzeitigen Chancen und Herausforderungen in diesem Land für Oikocredit?

Das Land steht vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen. Die Außenwirtschaft und die Steuereinnahmen des Landes hängen wesentlich von der Ölausfuhr ab, die die Hälfte aller exportierten Güter ausmacht. Ecuador leidet unter dem derzeitigen, niedrigen Ölpreis. Der Staatshaushalt wurde drastisch zusammengestrichen. Hinzu kommen erste Steuererhöhungen und Haushaltskürzungen zur Finanzierung des Wiederaufbaus nach dem Erdbeben. Die Verschlechterung der Wirtschaftslage werden auch die Kunden von Mikrofinanzinstitutionen (MFI) spüren. So wird es zu deutlich erhöhten Zahlungsverzügen oder – ausfällen kommen, die es von den MFI abzufedern gilt. Es wird eine herausfordernde Zeit für das ecuadorianische Oikocredit-Team werden. Die beiden von uns besuchten landwirtschaftlichen Partner betonten, wie wertvoll für sie die Unterstützung durch Oikocredit sei, da es für Agrargenossenschaften nur wenige Finanzierungsmöglichkeiten wie bei Oikocredit gebe. In Ecuador ist der Anteil von landwirtschaftlichen Partnern sehr gering im Vergleich zu anderen Ländern. Ich kann mir vorstellen, dass hier die Bündelung von Kleinbetrieben und die Unterstützung von Genossenschaften noch weiter gehen müssen, um diesen Sektor zu stärken.

Sie haben auf der Reise zwei Bauernorganisationen besucht: FAPECAFES & UNOCACE. Was leisten diese für die Bauern vor Ort?

UNOCACE ist eine Genossenschaft für Kakaobauern in Ecuador, in der über elf Mitgliedsorganisationen mit knapp 1000 Produzenten organisiert sind. Als einzige Kakaogenossenschaft in Ecuador ist UNOCACE Bio und Fair Trade zertifiziert. Die mit der Finanzierung durch Oikocredit erhaltene Liquidität ermöglicht es UNOCACE, die Bauern zügig zu bezahlen, einen Abschlag erhalten diese sofort bei Anlieferung der Bohnen. So werden die Bauern unabhängig von schlechter zahlenden und z.T. auch unzuverlässigen direkten Aufkäufern, in Ecuador „Coyotes“ genannt. Die Bauern profitieren auch von einem Programm zur Neupflanzung von Kakao-Plantagen, durch das der Ertrag der zum Teil recht alten Pflanzungen mittelfristig deutlich erhöht werden soll. Die Unterstützung umfasst dabei Beratung, Finanzierung und Produktion von Setzlingen.

FAPECAFES ist ähnlich wie UNOCACE eine Dachorganisation von sechs Einzelgenossenschaften für ca. 1200 Kaffee-Bauern im Süden von Ecuador, die ebenfalls Bio- und Fair Trade-Kaffee anbauen. FAPECAFES organisiert den Vertrieb, vor allem an Importeure und Röster in Europa und Nordamerika. In Deutschland bezieht z.B. die Rösterei„ Quichote Kaffee“ Rohkaffee von APECAP, einer der in FAPECAFES gebündelten Genossenschaften. FAPECAFES sieht sich als Modellbetrieb, der die kleinen Produzenten vertritt. Erst die Genossenschaft erlaubt den Kleinbauern einen lukrativen Zugang zum Weltmarkt und das Verkaufen von Kaffee mit Qualitätsanspruch. Die Finanzierung durch Oikocredit trägt wesentlich dazu bei, das möglich zu machen. Arturo Vinicio Martinez Jaramillo, der Präsident von FAPECAFES (selbst Kaffeebauer), fasst seine Sicht so zusammen: „Für uns kleine Kaffeebauern führt die Arbeit in der Genossenschaft wirklich zu einem besseren Leben. Der genossenschaftliche Geist muss bleiben. Wir erleben, dass man vom/mit dem Kaffeeanbau leben kann, der Hausbau kann bezahlt werden, die Kinder können in die Schule gehen“.

Ein Themenschwerpunkt der Reise war die Frage, welche Rolle der Exportvon Agrargütern für die Entwicklung und Ernährungssicherung der ländlichen Bevölkerung in Ecuador spielt. Denn die Wirtschaft Ecuadors ist stark vom Export von Öl sowie Agrarprodukten wie Blumen und Bananen abhängig. Wie bewerten Sie die Förderung von Bauernorganisationen durch Oikocredit unter diesem Gesichtspunkt?

Die Genossenschaften, die ich kennengelernt habe, haben unmittelbaren Nutzen durch die von Oikocredit erhaltenen Kredite. Diese machen liquide, erlauben eine zügige Auszahlung an die Bauern und geben auch finanzielle Sicherheit für die Umsetzung von Projekten, wie das der oben skizzierten Erhöhung der Produktivität der Kakaoplantagen durch Neuanpflanzungen. Soweit ich das einschätzen kann, leben die Betriebe in der Regel nicht alleine von den Einnahmen durch Kaffee oder Kakao. Auf den von uns besichtigten Plantagen wurde auch Anderes angebaut: Platano (Kochbananen), Orangen, Yucca-Palme, Zuckerrohr, verschiedene Bäume als Schattengeber, Feuer- und Bauholz…. Hühner wurden gehalten, für den lokalen Markt und den Eigenbedarf. Dadurch ist die Ernährung gesichert. Die Erträge aus dem Kaffee- oder Kakaoanbau führen aber zu merklichen Einnahmen und damit zu einem Puffer, der es erlaubt, langfristigere Pläne zu entwickeln: Hausbau, gesicherter Schulbesuch, Studium der Kinder, vielleicht Aufbau von Reserven. Bei den besuchten Betrieben hatte ich immer den Eindruck, eine gute Mischung von Produktion für den Eigenbedarf und Zusatzeinkommen durch den Export zu sehen. Das scheint mir ein robustes Modell zu sein.

Neben dem Besuch von landwirtschaftlichen Partnern haben Sie auch Mikrofinanzorganisationen (MFI) besucht. Wie funktioniert dort die Vergabe von Kleinkrediten? Wer bekommt einen Kredit?

Banko D-MIRO und FACES bieten Mikrokredite an zur Geschäftsgründung und Betriebsfinanzierung. D-MIRO ist mittlerweile eine richtige Bank, aber weiterhin mit dem Schwerpunkt Mikrokredite, FACES ist eine Stiftung. Wesentliches Merkmal ist, dass Kredite an Empfänger gehen, die keine sonst banküblichen Sicherheiten bieten und somit von Geschäftsbanken keine Kredite bekommen können. Anstelle einer Absicherung wird die Situation hinterfragt. Die anfänglich oft finanziell unerfahrenen Kunden werden beim Ausarbeiten eines Businessplans unterstützt und beim Geschäftsaufbau intensiv begleitet. Produkte mit besonderen Konditionen gibt es insbesondere für Frauen als Existenzgründerinnen, für Menschen mit Behinderung und auch für HIV-Infizierte. Die Kreditnehmer werden ausführlich durch den Kreditsachbearbeiter (Loan Officer) begleitet und beraten. Soweit ich das sehen konnte, kennen diese ihre Kunden und deren Familienverhältnisse sehr gut. Ein Loan Officer drückte das so aus: „Das ist Arbeit vor Ort, den Haushalt ansehen, die Situation beurteilen, ggf. helfen, die Familie zu stabilisieren“. Ausgehend vom ersten, eher kleinen Kredit (einige hundert Dollar) entwickeln sich Vertrauen und Sicherheit.

Wie richten die von Ihnen besuchten MFI ihre Arbeit aus, um benachteiligte Menschen wirksamer unterstützen zu können?

FACES hat uns ausführlich über die strategischen Überlegungen informiert, in welchen Gebieten das Institut zukünftig tätig wird. Der Staat Ecuador verfügt über sehr gute statistische Daten zur Einkommensverteilung sowie zur Armutssituation im Land. FACES versucht entsprechend, im recht armen Süden von Ecuador die Regionen auszumachen, in denen es einen Mangel an elementaren Gütern wie Telefon, Wasser, Straßen und in der Regel auch zu wenige Bankdienstleistungen gibt. Wirtschaftlich sollten die Regionen zumindest so weit entwickelt sein, dass mit Mikrokrediten erfolgversprechend gearbeitet werden kann. Ursprünglich bot FACES neben Mikrofinanz auch Gesundheitsschulung und wirtschaftliche Schulungen zu Landwirtschaft, Verbesserung der Produktivität, Marktzugang an. Inzwischen laufen diese Schulungen als eigener Arbeitsbereich von FACES aus. Die Stiftung hat gesehen, dass andere, spezialisierte Institutionen Qualifizierung besser leisten können und konzentriert sich jetzt auf Mikrokredite. Die umfassende Begleitung der Kreditnehmer ist aber weiterhin wesentliches Element. Ein Mittelwert für ausstehende Kredite pro Person sind 1600 bis 2000 Dollar.

Sie haben auch Kundinnen von MFI kennen gelernt. Welche Rolle spielen die Angebote von Banko D-Miro und FACES für ihr Geschäft und ihr Leben?

Beide Institute bieten spezielle Produkte für Frauen als Unternehmensgründerinnen an. Zwei glückliche Kundinnen haben wir besucht. Maria Riofrio, eine begeisterte Schneiderin, hat vor mehr als 20 Jahren mit einem ersten Kredit ihren Traum wahrgemacht, selbständig zu nähen und von zu Hause aus ihre Kundschaft zu betreuen. Weitere Kredite folgten. Diese haben es ihr möglich gemacht, ihre Begabung, Interesse und wirtschaftliches Geschick zusammenzubringen und zu entfalten. Elena Rodriguez Salazar hat einen Mini-Familien-Betrieb gegründet. Die von ihr zubereiteten Empanadas (Teigtaschen) scheinen ein richtiger Schlager zu sein. Die Idee, den Teig aus Kochbananen herzustellen, brachte der Ehemann von Elena aus seiner Heimatgegend mit. Gemeinsam kochen sie täglich 200 Empanadas. Er verkauft sie mit einem selbst gebauten mobilen Verkaufsstand in der Nähe. Mit einfachsten Mittel ist so ein tragfähiger Familienbetrieb entstanden. Das Haus der Familie wird nach und nach fertiggebaut, die drei Mädchen gehen zur Schule, die Älteste spielt mit dem Gedanken an ein Studium. Elena ist ein tolles Beispiel, wo Mikrokredite hochwirksam geholfen haben und helfen. Wir haben auch noch ein weiteres phantastisches, sicher nicht typisches Erfolgsunternehmen gesehen. Aus einfachsten Anfängen entstand in zehn Jahren ein Innenausbau/Stuckateur-Betrieb mit inzwischen drei festen und zeitweise fünfzehn Hilfskräften. Wenn der laufende Mikrokredit zurückgezahlt ist, wird die weitere Finanzierung über eine normale Bank laufen können.

In Ecuador ist der Mikrofinanzsektor staatlich reguliert. Was bedeutet das für die Arbeit der Mikrofinanzinstitutionen? Welche Veränderungen gab es in den vergangenen Jahren?

Die Arbeit von Oikocredit in Ecuador wird sicher stark durch die allgemeine Wirtschaftslage und die Politik der Regierung beeinflusst. Die derzeitige Regierung fördert bewusst die sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen sowie Schule und Ausbildung. Die Mikrofinanz nimmt deshalb einen hohen Stellenwert ein, ist aber auch staatlicher Kontrolle und Regulierung unterworfen. Wie ich gelesen habe, führt das zu mehr Professionalisierung und zum Zusammengehen oder Verschwinden von Kleinstanbietern. Ich kann mir vorstellen, dass die Umwandlung von D-MIRO in eine Bank (2011) oder der Rückzug von FACES aus dem Bereich Qualifizierung und Schulung durchaus auch mit dieser Politik zu tun haben. Eine zu starke Reglementierung könnte allerdings auch zur Verschlechterung der Versorgung im ländlichen Raum führen.

Sie kennen die Arbeit von Oikocredit durch Ihre ehrenamtliche Mitarbeit im Förderkreis Bayern schon seit vielen Jahren. Hat sich Ihr Blick auf Oikocredit und die Wirksamkeit der Geldanlage durch die Studienreise verändert?

Ich bin seit 1997 Investor bei Oikocredit, das Konzept hatte mich schnell überzeugt, auch wenn ich anfangs wenig von den Details wusste. Durch den Besuch von Veranstaltungen von Oikocredit Bayern sowie durch verschiedene Publikationen habe ich mir nach und nach ein vertieftes Verständnis angeeignet. Dieses war aber bisher geprägt durch die theoretische Einsicht und schöne, aber ferne Erfolgsbeispiele. Die Begegnungen während der Studienreise haben den fernen Beispielen jetzt eine unmittelbare Realität gegeben. Dass ein paar 100 Dollar reichen konnten, einen Kleinbetrieb mit Teigtaschen aufzubauen und dies den Betreibern ermöglichte, ihr Haus nach und nach fertig zu bauen. Ich fand es toll, eine der Schneiderinnen persönlich kennenzulernen, die stolz und begeistert von ihrem gelebten Traum spricht, ausgehend von einer kreditfinanzierten Nähmaschine. Oder die kleinen Kaffee- und Kakaobauern zu sehen, denen die Förderung durch ihre Genossenschaft es erlaubt, auskömmlich zu arbeiten. Jetzt stecken für mich reale Personen mit strahlenden Gesichtern hinter dem Konzept von Oikocredit.

Welche Person in Ecuador hat Sie am meisten beeindruckt?

Viele! Das Team der Bank D-MIRO, das mit großem Einsatz das Ausmaß der Erdbebenschäden bei ihren Kunden erfasst und den Betrieb in den betroffenen Filialen wieder herstellt. Der Präsident Victor Hugo Bajaña Mendoza von UNOCACE, der uns begeistert durch seine verjüngte Kakaoplantage führt. Das Oikocredit-Team in Ecuador, das uns fachkundig und engagiert durch das Land begleitet hat.

Ein Resümee Ihrer Studienreise in einem Satz?

Es war eine super dicht gepackte Woche in einem wunderschönen Land mit freundlichen Menschen, voll mit hautnah erlebten Erfolgsgeschichten, die aufgrund der Förderung von Mikrofinanz und landwirtschaftlichen Genossenschaften durch Oikocredit möglich wurden.