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Finanztechnologie ist Teil der Lösung

Finanztechnologie ist Teil der Lösung

Vincent.jpg19. Dezember 2018

Finanztechnologien, kurz Fintech, krempeln die Finanzbranche auf der ganzen Welt um. Wie können technologische Entwicklungen die finanzielle Inklusion voranbringen? Was bedeutet Fintech für Oikocredit und ihre Partner? Wir fragten Vincent van Dugteren, zuständig für die Entwicklung neuer Geschäftsfelder bei Oikocredit in Amersfoort.

Welchen Stellenwert hat Fintech im Mikrofinanz-Sektor und wo steht Oikocredit in dieserEntwicklung?

Die Finanzbranche hat sich durch neue Technologien in den vergangenen Jahren stark verändert. Viele Mikrofinanzinstitutionen nutzen bereits neue Finanztechnologien, wenn auch in sehr unterschiedlichem Umfang. Alle, mit denen wir zusammenarbeiten, sind brennend am Thema Fintech interessiert. Es geschieht unglaublich viel in diesem Bereich. Fintech kann Prozesse schneller, effizienter und passgenauer machen. Traditionelle Mikrofinanzorganisationen, die den Kern unseres Portfolios ausmachen, nutzen verstärkt hochentwickelte Software, um die Kredite, die sie vergeben haben, zu verwalten. Außerdem bieten zunehmend mehr unserer Partnerorganisationen ihrer Kundschaft digitale Dienstleistungen wie Mobile Money an, die Geldtransfers via Handy und ohne ein herkömmliches Bankkonto möglich machen. Einen kräftigen Anschub hat die Entwicklung innovativer Technologien und digitaler Prozesse im Kontext finanzieller Inklusion durch neue Fintech-Unternehmen in Schwellenländern bekommen.

In der klassischen Mikrofinanz ist der persönliche Kontakt zwischen Kund*innen und Mitarbeiter*innen ein wesentliches Merkmal. Wird er durch den Einsatz von Finanztechnologien ersetzt – verlieren Gruppensolidarität und Gemeinschaftsbildung an Bedeutung? Mikrofinanz hat eine Infrastruktur aufgebaut, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgebildet, Anlaufstellen etabliert, was geschieht damit?

Wenn Arbeitsprozesse beschleunigt und erleichtert werden und die einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vielleicht nicht mehr so viele Gruppen und Dörfer aufsuchen müssen, um Geld auszuzahlen und Formulare auszufüllen, können sie ihre Zeit anders einsetzen. Finanzielle Inklusion geschieht in einem Zusammenspiel von Technik und Menschen. Fintechs sind kein Ersatz für den persönlichen Kontakt zwischen den Kreditnehmerinnen und -nehmern und den Mikrofinanzinstitutionen. Aber kostenintensive regionale Netzwerke, die die Finanzorganisationen für die Kreditvergabe unterhalten müssen, und lange Warteschlangen für die Kund*innen könnten künftig wegfallen. Die Struktur von Finanzinstitutionen wird sich ändern. Fintechs beschäftigen in der Regel mehr Personal in den Bereichen Technologieentwicklung, Marketing und Kundenservice. Fast zwei Milliarden Menschen haben noch keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen. Das ist ein immenser Bedarf. Ihn zu decken erfordert ein hohes Maß an personellem und technologischem Einsatz. Ich bin im Blick auf die Entwicklung und ihre positiven sozioökonomischen Effekte sehr optimistisch. Verantwortlich eingesetzte Technologie ist Teil der Lösung.

Mit welchen Produkten und Dienstleistungen erleichtern die Fintech-Unternehmen, mit denen Oikocredit die Zusammenarbeit begonnen hat, den Geschäftsalltag ihrer Kundinnen und Kunden?

Fintech ist ein neuer Bereich von Oikocredit. Wir finanzieren derzeit fünf Fintech-Unternehmen, die kleinsten, kleinen und mittelständischen Unternehmen Zugang zu Finanzdienstleistungen eröffnen. Ein Beispiel ist unser brasilianischer
Partner Avante, der in ländlichen Gebieten im Nordosten Brasiliens arbeitet. Das Unternehmen bietet seinen Kundinnen und Kunden unter anderem innovative Lösungen für digitalen Zahlungsverkehr. Die Bezahlung mit Kredit- und Girokarten ist in Brasilien weitverbreitet. Um Kartenzahlungen zu akzeptieren, brauchen Geschäfte oder Restaurants ein Point-of-Sale (POS)-Terminal, das sind die Geräte, die es uns weltweit ermöglichen, in Supermärkten mit Karte zu bezahlen. In dem Markt, in dem wir aktiv sind, bieten herkömmliche Banken diesen Service für kleinste, kleine und mittlere Unternehmen meist nicht an. Zudem sind Kartenzahlung für die Unternehmen kostspielig, weil sie ein Kartenlesegerät kaufen oder leihen müssen. Avante hat in einem eigenen Forschungszentrum in Tel Aviv eine softwarebasierte Lösung entwickelt, die es kleinen Unternehmen ermöglicht, ihrer Kundschaft zu marktüblichen Transaktionsgebühren Kartenzahlungen anzubieten. Die Software selbst stellt Avante kostenlos zur Verfügung.

Alles, was die Unternehmen benötigen, ist eine spezielle App auf dem Smartphone – und Smartphones sind in Brasilien weit verbreitet. Daneben unterhält Avante ein Netzwerk von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die die Kundinnen und Kunden besuchen. Es ist also eine Kombination von direktem Kontakt und Technologie. Unser Partner Tienda Pago bietet kurzfristige Kreditlinien für kleine Läden an, die vor allem in städtischen Randbezirken Dinge des täglichen Lebens wie Zahnpasta, Brot oder Waschmittel verkaufen. Es gibt Hunderttausend solcher Läden in Mexiko und Peru, wo Tienda Pago tätig ist. Die Betreiberinnen und Betreiber müssen Produkte einkaufen, haben aber Einnahmen erst nach dem Weiterverkauf. Wenn sie wenig Geld zur Verfügung haben, ist ihr Warenangebot niedrig, Umsatz und Gewinn sind entsprechend geringer. Bei Großhändlern bekommen sie ihre Waren günstiger, wenn sie bestimmte Mengen abnehmen, dazu fehlt ihnen aber das Kapital. Tienda Pago hat auf der Basis mobiler Technologie ein System entwickelt, mit dem die Geschäfte per Handy eine Bestellung für einen längeren Zeitraum aufgeben können. Der Kredit, den sie dafür benötigen, wird von Tienda Pago direkt an die Großhändlerinnen und -händler überwiesen, die Händler*innen bezahlen den Kredit, sobald sie die Waren verkauft haben, zurück. Das macht den Wareneinkauf günstiger und weniger zeitintensiv. Die Ladenbesitzerinnen und -besitzer erwirtschaften mehr Einkommen und können eine datengestützt nachvollziehbare Kreditgeschichte aufbauen.

Brauchen Fintech-Unternehmen weniger Sicherheiten für eine Kreditvergabe als andere Banken und Mikrofinanzinstitutionen?

Vincent van Dugteren: Nein, keineswegs. Sie nutzen digitale Daten als eine Alternative, um die Risiken ihrer Kreditvergabe einzuschätzen. Ein Beispiel ist unser indischer Partner Neogrowth. Um die Kreditwürdigkeit seiner Kundinnen und Kunden zu beurteilen, analysiert das Fintech-Unternehmen die Absatzdaten der vergangen zwölf Monate anhand der Zahlungen mit Kredit- und Girokarten. Zudem fließen Daten zum lokalen Markt oder zur erwarteten Entwicklung des jeweiligen Geschäftszweigs in das Risikomodell mit ein. Die Analyse des digitalen Zahlungsverkehrs eines Unternehmens auch nachdem der Kredit bewilligt wurde, ermöglicht es Neogrowth, flexible und individuelle Rückzahlungsmodi für den Kredit festzulegen. Das mindert das Risiko, dass Rückzahlungsraten ausfallen. Fintech-Unternehmen können durch ihre Vorgehensweisen auf einige der Sicherheiten auf Papier verzichten, die herkömmliche Banken für die Kreditvergabe brauchen. Und sie können Kredite an Menschen vergeben, die anderen Instituten wenig kreditwürdig erscheinen. Die hochtechnologischen Prozesse ermöglichen es zudem, dass die Unternehmen Kredite schon innerhalb weniger Tage vergeben und mehr Kundinnen und Kunden betreuen können als herkömmliche Mikrofinanzinstitutionen.

Welche Risiken liegen für Oikocredit darin, Fintech- Unternehmen zu finanzieren?

Fintech-Unternehmen sind oft junge und schnell wachsende Unternehmen. Es gibt allgemein noch nicht so viel Erfahrung mit ihnen innerhalb der nachhaltigen Finanzbranche. Sicher kann es riskant sein, in ein noch junges Unternehmen in einer vergleichsweise jungen Branche zu investieren. Aber nicht in diesen Bereich zu investieren, ist auch riskant. Fintechs sind nicht mehr wegzudenken. In zehn Jahren wird es die Bezeichnung Fintech vor Unternehmen wahrscheinlich gar nicht mehr geben. Der Trend geht dahin, dass Arbeitsweise und Angebote aller Unternehmen digitaler werden.

Was macht Oikocredit, um die Risiken zu minimieren?

Bis jetzt machen Fintech-Unternehmen einen sehr kleinen Teil unseres Portfolios aus. Wir prüfen gründlich, bevor wir investieren, wie bei jedem anderen Unternehmen auch. Um Erfahrungen und vorhandenes Wissen zu teilen, tauschen wir uns mit anderen sozialorientierten Geldgebern aus. Zudem nutzen wir unsere über 40-jährige Erfahrung als Finanzierer, um Standards für die Finanzierung von Fintech-Unternehmen zu setzen. Wie bei der Finanzierung von Mikrofinanz nehmen wir auch hier eine Vorreiterrolle ein. So haben wir in diesem Frühjahr die Leitlinien für eine verantwortungsvolle digitale Finanzinklusion mitinitiiert. Viele sozial orientierte Fintech-Unternehmen wollen mit uns zusammenarbeiten und von unserer Erfahrung profitieren. In einem nächsten Schritt möchten wir unsere etablierten Mikrofinanzpartner mit Fintech-Unternehmen zusammenbringen, damit sie voneinander lernen können. Wir wollen, dass innovative Technologien dazu dienen, die Lebensumstände wirtschaftlich benachteiligter Menschen im globalen Süden zu verbessern.

Welche innovativen Fintech-Lösungen werden Ihrer Einschätzung nach den Sektor demnächst verändern?

Nach der Welle an Innovationen bei Krediten und Zahlungsmöglichkeiten, wird sich als nächstes im Bereich Mikroversicherungen viel tun. Ich gehe davon aus, dass es zunehmend Plattformen geben wird, die Versicherungsunternehmen mit Menschen vernetzten, die für wenige Dollar im Monat eine Versicherung brauchen. Ein anderer Bereich wird Blockchain sein [Anmerkung der Redaktion: Blockchains ermöglichen Transaktionen im Netz, die ebenso anonym wie transparent sind, erst gültig, wenn alle Beteiligten sie authentifiziert haben und als unveränderbare Daten gespeichert, also in hohem Maß fälschungssicher sind]. Alle reden davon, wir wissen noch nicht, wohin das geht, beobachten es aber sehr genau, das gehört zu meinen Aufgaben. Blockchain könnte beispielsweise Handelsfinanzierungen erleichtern. Der Kaffeeversand einer Kooperative aus Lateinamerika könnte finanziell in zwei Tagen statt in zwei Monaten abgewickelt sein.

Was verbindet Sie persönlich mit Fintech?

IT fasziniert mich seit meiner Jugend. Ich find’s toll. Ich habe Business Information Technology studiert und anschließend für eine niederländische Bank gearbeitet, die technologisch äußerst kompetent war. In den Philippinen habe  ich zum ersten Mal mitbekommen, wie Überweisungen aus dem Ausland via Handy gemacht wurden. Das war 2007, zwei Jahre bevor das mobile Zahlungssystem M-Pesa in Ostafrika so erfolgreich wurde. Ab 2012 habe ich drei Jahre als Berater für Unternehmensentwicklung in Uganda gearbeitet und mich in dieser Zeit zunehmend mit Mikrofinanz beschäftigt. Einer meiner Kunden war Musoni, eine Mikrofinanzinstitution und übrigens auch Oikocredit-Partner, die weltweit als erstes Unternehmen Mobile Money als Instrument nutzte, um Kredite auszuzahlen. Seit Januar 2016 bin ich bei Oikocredit. Fintech ist vermutlich keine Revolution, wie es der derzeitige Hype glauben macht, hat aber in meinen Augen durchaus transformierende Kraft für den Bereich der finanziellen Inklusion.

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